Care in Consensually Non- Monogamous Relationship Networks: Aspirations and Practices in a Contradictory Field

2018 im Graduate Journal of Social Science erschienen ist mein Beitrag zur 1. NMCI-Konferenz 2015 in Lissabon, hier beim GJSS als PDF zum Download (600kb).

Ich habe damals Zwischenergebnisse vorgestellt, in denen sich schon abzeichnet, dass emanzipatorische Ansprüche sich am besten umsetzen lassen, wenn sie nicht nur entschieden als geteilte Norm vertreten, sondern auch strukturell untersetzt werden — z.B. durch gemeinsame Haushaltsführung oder verbindliche Kommunikationsformen. Zudem stellt der Artikel meine Methodik — die Erweiterung der Intersektionalen Mehrebenenanalyse (hier ein Artikel, in dem Gabriele Winker diese Methode vorstellt) um eine Netzwerkanalyse — dar.

ABSTRACT: The paper discusses the question whether currently emerging, new forms of non-monogamous intimate relationships generate new class and gender relations. Parts of the polyamory movement propagate that breaking with hegemonic norms in relationships opens up the possibility for replacing internalized patriarchal and capitalistically structured norms and behaviour patterns with ones that are to a higher degree self-reflexive and self-determined. Parts of the research about polyamory agree that there is emancipatory potential and stress the possibility of these relationships to break with heteronormative and sexist power struc-tures and to initiate social change in various domains. However, it is just as feasible that poly-amory is a relationship form that aids in managing the demands of a highly flexible, project-oriented capitalist system. The paper outlines my qualitative method of research – a triangulation of intersectional multi-level analysis and network analysis – as well as my ideas for a care-theoretical approach to understanding polyamorous practices. Based on preliminary results of my doctoral research the paper leads to the conclusion that emancipatory aspirations are especially likely to succeed when they are supported by structural measures like
collec-tive housekeeping or obligatory modes of communication.

KEYWORDS: Social inequality, non-monogamies, care, gendered division of work, qualitative research

»Care in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken«: Einleitung (S. 9-16)

Die Einleitung von »Care in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken«, hier zum Ausdrucken als PDF (100kb)

Als Mitte der 1970er-Jahre zehn Kommunard_innen auf den Friedrichshof im österreichischen Burgenland zogen, wollten sie eine Revolution anstoßen. Sie waren von der Zuversicht getragen, die kapitalistische Kleinfamiliengesellschaft durch einen permissiven Umgang mit Sexualität umfassend zu transformieren. Die Mühl-Kommune existierte bis 1991 und avancierte zu einem der bekanntesten beziehungs- und sexualitätspolitischen Projekte im deutschsprachigen Raum. Sie endete als »Diktatur der freien Sexualität« (Schlothauer 1992) und es ist nicht unplausibel, dass ihr Scheitern schon in der Grundstruktur einer auf eine charismatische Führerfigur zugeschnittenen Gemeinschaft und im unkritischen Umgang mit Geschlechterrollen und Heteronormativität angelegt war. Trotzdem: Wenn kritische Wissenschaft dazu beitragen will, Schritte in eine solidarische Gesellschaft (Winker 2012) zu kartografieren, muss sie rekonstruieren, welche Potenziale alternative Modelle haben können, statt es dabei zu belassen festzustellen, dass diesbezügliche Experimente oft gescheitert sind. Erinnert sei deswegen an den überschwänglichen Optimismus der Kommunard_innen, die davon überzeugt waren, durch das radikale Ändern ihrer eigenen Lebenspraxis die Gesellschaft als Ganze zu revolutionieren. In den 2010er-Jahren wirkt diese Vorstellung antiquiert. Nicht nur in Bezug auf gesellschaftliche Utopien, sondern auch in Hinblick auf Lebens- und Beziehungsformen herrscht eine gefühlte Alternativlosigkeit vor (Reuschling 2015). Gerade Jugendliche sehen sich »jenseits von Rebellion und Weltverbesserung« (Koppetsch 2015: 109) und verfolgen traditionelle Beziehungskonzepte. Sie wünschen sich dauerhafte Zweierbeziehungen, orientieren sich an Ehe und Familie und stehen der Idee eines grundsätzlichen gesellschaftlichen Wandels skeptisch gegenüber (Koppetsch 2014). Familien- und geschlechterpolitische Schlagzeilen machen rechtspopulistische Akteur_innen, die sich gegen Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitik aussprechen und eine Rekonstitution (vermeintlich oder tatsächlich) traditioneller Geschlechter- und Familienverhältnisse anstreben (Kemper 2016).

Die hohe mediale Präsenz von Polyamory widerspricht auf den ersten Blick diesem Befund. Seit den 1990er-Jahren entwickeln sich soziale Praxen konsensueller Nichtmonogamie, die heute unter der Bezeichnung Polyamory gefasst werden und die mehrere emotional enge und/oder sexuelle Beziehungen mit Einverständnis aller Beteiligten ermöglichen. Zunehmend werden in Ratgeberliteratur, im Feuilleton, in Lifestyle-Zeitschriften und im Vorabendprogramm die Probleme konsensuell-nichtmonogamer Beziehungen verhandelt. Sogar in der heilen Welt des deutschen Schlagers besingt Juliane Werding das Beziehungsleben von Daisy und ihren drei Partnern – »einen so zum Leben, einen für die Nacht [und] einen für die Seele« –, die zu viert eine glamouröse und anscheinend glückliche Beziehung führen. Ob der medialen Aufmerksamkeit eine zunehmende Verbreitung konsensuell-nichtmonogamer Beziehungen zugrunde liegt, ist schwer einzuschätzen. Eine repräsentative Studie aus den USA (Haupert et al. 2017) zeigt, dass über 20 Prozent der Bevölkerung irgendwann in ihrem Leben konsensuelle Nichtmonogamie praktizieren und zwar relativ unabhängig von Alter, Milieu und Wohnort, jedoch weiter verbreitet unter Männern sowie unter Homo- und Bisexuellen. In der deutschsprachigen Familiensoziologie werden Daten zu konsensuell-nichtmonogamen Beziehungen nicht erhoben. Zwar zeigt eine groß angelegte Längsschnittstudie über Spätmoderne Beziehungswelten (Schmidt et al. 2006), dass ein nichtmonogames Beziehungsideal vor allem unter Männern und jüngeren Befragten verbreitet ist. Ob dieses sich auf sexuelle Offenheit bei emotionaler Exklusivität oder andere Spielarten der Nichtmonogamie bezieht, bleibt offen.1 Auch wenn für den deutschsprachigen Raum keine belastbaren Zahlen für ihre Verbreitung vorliegen, spricht einiges dafür, dass Polyamory nicht nur ein Medienphänomen ist. So existieren in der BRD zahlreiche Poly-Stammtische, Mailinglisten, Beratungsangebote und ein bundesweit tätiger Verein, der halbjährliche Vernetzungstreffen organisiert. Auch dass es für die vorliegende Untersuchung relativ leicht gelungen ist, zahlreiche Teilnehmer_innen aus ganz verschiedenen Milieus und jeden Alters zu gewinnen, spricht dagegen, dass konsensuelle Nichtmonogamie nur von wenigen Akteur_innen in einer überschaubaren Subkultur praktiziert wird. Vielmehr scheint konsensuelle Nichtmonogamie in der Wissenschaft quasi unsichtbar zu sein, weil die Familiensoziologie oft selbst eine mono-normative Perspektive einnimmt.

Worin besteht die Spezifik eines konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerkes? Die Teilnehmer_innen der vorliegenden Studie bezeichnen ihre Beziehungsformen als polyamores Netzwerk, offene Beziehung, Lebenskonstrukt, Beziehungsgeflecht, Kommune, Mehrfachbeziehung oder Lebensgemeinschaft. Um dieser Vielfalt gerecht zu werden und das Augenmerk der Untersuchung nicht auf die derzeit populäre Polyamory einzuengen, spreche ich von konsensueller Nichtmonogamie als Sammelbezeichnung für verschiedene Varianten nichtmonogamer Beziehungsführung. Zur Unterscheidung von programmatischer Nichtmonogamie2 muss ein informierter Konsens aller Beteiligten vorliegen. Um solche sozialen Formen im Blick zu haben, in denen die konsensuelle Nichtmonogamie tatsächlich in einer Verbindung von drei oder mehr Erwachsenen gelebt wird und nicht nur als theoretische Option das Selbstverständnis einer monogamen Beziehung erweitert, untersuche ich Beziehungsnetzwerke. Die Zuordnung dazu habe ich den Befragten überlassen. Schmidt et al. (2006: 150) konstatieren: »Ein Paar ist dort, wo zwei Menschen sagen, dass sie eines sind.« Entsprechend sehe ich ein konsensuell-nichtmonogames Beziehungsnetzwerk dort, wo die Beteiligten sagen, dass sie in einem leben – und daher auf die Anfrage zur Teilnahme an dieser Studie3 geantwortet haben.

Auch wenn die revolutionäre Rhetorik der 1970er-Jahre heute antiquiert scheint, unterstellen Publikationen aus der linken und alternativen Szene sowie die Selbstbeschreibungs- und Beratungsliteratur konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsformen nach wie vor ein emanzipatorisches4 Potenzial. Konkret erhofft man sich, die sozial auf eine Zwei-Erwachsenen-Beziehung enggeführte und geschlechtsspezifisch geregelte Familienform zu durchbrechen, individuelle Handlungsmöglichkeiten zu vergrößern und womöglich dadurch die Gesellschaft zu verändern. Angesichts der großen Bedeutung von Intimbeziehungen5 für die soziale Reproduktion6 – Wiederherstellung von Arbeitskraft, Betreuung von Kindern, Erlernen von sozial anerkannten Technologien des Selbst – scheint diese Annahme nicht gänzlich unbegründet. Ebenso denkbar ist allerdings, dass konsensuelle Nichtmonogamie Beziehungsformen absichert, die dabei helfen, den Anforderungen eines hochflexiblen, projektorientierten Kapitalismus gerecht zu werden, oder gar in diesen Beziehungen ein patriarchales Arrangement – Männer als Nutznießer sorgender Praxen von Frauen – mit mehr Beteiligten wiederholt wird.

Die bisher zu nichtmonogamen Beziehungen vorliegenden Publikationen konnten wenig zur Frage der gesellschaftlichen Bedeutung konsensueller Nichtmonogamie beitragen, was unter anderem daran liegt, dass sich die überwiegend psychologische und philosophische Literatur auf emotionale und sexuelle Aspekte konzentriert und den Bereich der Care (Sorge) kaum behandelt. In der Beantwortung der Frage, ob und wie sich Menschen umeinander kümmern und dabei ihr Leben, ihre Arbeitskraft sowie gesellschaftliche Normen und Strukturen reproduzieren, liegt jedoch ein zentraler Schlüssel für das Verständnis des Zusammenhangs von subjektkonstitutiver, normativer und gesellschaftsstruktureller Ebene. Meine Studie soll einen Beitrag zur bisher wenig umfangreichen soziologischen Forschung über Care in nichtmonogamen Beziehungen leisten: Sie untersucht, ob sich in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken Care-Praxen entwickeln, die den Beteiligten erweiterte Handlungsmöglichkeiten im Bereich individueller und kollektiver Lebensgestaltung, aber auch im Bereich sozialer Absicherung in neuen und selbstbestimmten Formen des Zusammenlebens eröffnen.

Vor dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Hintergrund ist eine solche Aussicht nötiger denn je. Die eingangs erwähnte Utopielosigkeit geht einher mit einer Retraditionalisierung von Geschlechterrollen bei gleichzeitiger Ausbeutung von Differenz vor dem Hintergrund ständig steigender Anforderungen an gelingende Reproduktion. Nancy Fraser (2009: 52) hat darauf hingewiesen, dass viele emanzipatorische Impulse der neuen sozialen Bewegungen der 1970er-Jahre in den Dienst der Profitmaximierung gestellt wurden. Bezieht man diesen Gedanken auf konsensuelle Nichtmonogamie, scheint es möglich, dass eine Flexibilisierung und Enttraditionalisierung von Beziehungen gut zu den Anforderungen des Neoliberalismus (Groß/Winker 2007) passt und daher systemkonform integriert werden kann – gerade weil hegemoniale Geschlechterverhältnisse in der Geschichte programmatischer Nichtmonogamie oftmals nur unzureichend hinterfragt und verändert wurden.

Ist Emanzipation mittels veränderte Intimbeziehungen vor diesem Hintergrund noch eine Option? Ich denke ja, besonders weil sich in der neueren subkulturellen Debatte um Polyamory eine hohe Sensibilität für die Fallstricke neoliberaler Vereinnahmung und sexistischer Praxen zeigt. Mich interessiert daher, wie sich das Verhältnis von nichtmonogamen Beziehungen und fortschrittlichen gesellschaftspolitischen Impulsen gestaltet. Daher stelle ich mir die folgenden Fragen: Werden in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken emanzipatorische und solidarische Formen entwickelt, die sich bestenfalls zu einem gewissen Grad verallgemeinern lassen (1. These)? Oder findet hier vor allem eine den neoliberalen Anforderungen an Flexibilisierung entsprechende Anpassung des Beziehungslebens statt (2. These)? Oder werden dort hierarchische Geschlechterverhältnisse mit mehr Beteiligten reproduziert (3. These)? Welche These unter welchen Bedingungen zutrifft, lässt sich allein theoretisch nicht klären. Daher untersuche ich konsensuell-nichtmonogame Beziehungspraxen mit einer empirischen Studie. Offen ist zudem die Frage, welche Strukturzusammenhänge zu bedenken sind, wenn aus der Beziehungsführung heraus gesellschaftliche Veränderungen angestrebt werden und welche Interaktions- und Institutionalisierungsformen besonders hilfreich wären, um emanzipatorische Potenziale von Intimbeziehungen zu befördern. Das ist der Grund, weshalb ich für meine qualitative Untersuchung eine gesellschaftstheoretische Fundierung für notwendig halte.

Die Studie beginnt nach der begrifflichen Eingrenzung der Termini Monogamie, versteckte Nichtmonogamie (Fremdgehen) und konsensuelle Nichtmonogamie mit historischen und beziehungstheoretischen Überlegungen (Kapitel 2). Dazu umreiße ich die historische Entwicklung von Monogamienorm und bürgerlicher Kleinfamilie in Europa sowie zwei Phasen, in denen beide infrage gestellt wurden: Nach der russischen Oktoberrevolution sollten strukturelle Maßnahmen die Kleinfamilie schlichtweg unnötig machen; im Zuge der 1968er-Revolten erwartete man von Einzelnen, ihre sexuellen Normen und Werte zu erneuern, um darüber die Gesellschaft zu verändern. Ersteres wurde nur wenige Jahre verfolgt, letzteres ging teilweise mit psychischer Gewalt einher und wurde überaus sexistisch realisiert. Mein historischer Überblick zeigt die Konsequenzen dieser Geschichte in der neueren Debatte um konsensuelle Nichtmonogamie: Zentrale Linien beziehen sich auf die Fragen, welche emanzipatorischen Potenziale die Veränderung individuellen Verhaltens haben kann und welche Herrschaftsverhältnisse womöglich durch eine zu kurz gedachte Monogamiekritik reproduziert werden.

Herrschaftskritik und Reflexivität im jüngeren Diskurs stimmen optimistisch. Das ausgeprägte Beharrungsvermögen heteronormativer Muster in nichtmonogamen Beziehungen und die Funktion von Sorgepraxen für den Kapitalismus werden darin jedoch oftmals nur zum Teil erfasst. Daher stelle ich im zweiten Teil des zweiten Kapitels unter Rekurs auf soziologische und polit-ökonomische Care-Theorie (Brückner 2010, 2011b; Madörin 2010; Winker 2007, 2011, 2013) dar, wie in Intimbeziehungen eine zentrale Aufgabe für den Fortbestand der kapitalistischen Gesellschaft erledigt wird: die Reproduktion von Arbeitskraft und das damit verbundene Erlernen von nutzbaren und sozial konformen Fähigkeiten. Eine geschlechtliche Aufgabenteilung liegt dabei sowohl in Intimbeziehungen als auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene vor: Frauen leisten erheblich mehr Sorge als Männer, zudem wird ihnen weitaus mehr Verantwortung für den reproduktiven Bereich zugesprochen. Um Care stärker in ihrer subjektiven und normativen Bedeutung zu erfassen, greife ich weiterhin den moralphilosophischen Care-Diskurs (Benhabib 1995; Conradi 2001, 2016) auf. Dies scheint auch darüber hinaus für die Betrachtung einer Beziehungsform, die sich positiv auf die Figur der ›ethischen Schlampe‹7 bezieht, angemessen. Ich entwickle auf der Grundlage soziologischer und care-ethischer Theorien einen Begriff von Care, der Tätigkeiten bezeichnet, die »seien sie bezahlt oder nicht, primär direkt auf das Wohlergehen von Menschen ausgerichtet sind« (Madörin 2009: 9) und mit einer zugewandten Haltung einhergehen.

Beziehungstheoretische Überlegungen reichen nicht aus, um die komplexen Vermittlungen zwischen Gesellschaftsstruktur und individuellem Beziehungshandeln zu verstehen und zu untersuchen. Daher lege ich in Kapitel 3 dar, wie sich Intimbeziehungen als zentrales Feld sozialer Reproduktion verstehen lassen. Das bedarf einer Rekonstruktion auf mehreren Ebenen. Um diese theoretisch zu fassen, verknüpfe ich den analytischen Rahmen des Intersektionalen Mehrebenenansatzes mit wertkritischen, feministischen sowie habitus- und handlungstheoretischen Überlegungen. Ich zeige jeweils, welche Aspekte konsensueller Nichtmonogamie sich damit begreifen lassen: Der Intersektionale Mehrebenenansatz (Winker/Degele 2009) zielt darauf, die Wechselwirkungen zwischen drei analytisch getrennten Ebenen (soziale Strukturen, symbolische Repräsentationen und Identitätskonstruktionen) zu erfassen. Die Wertkritik (Postone 2003; Lohoff/Trenkle 2012) erlaubt es, die zentrale Strukturdynamik der warenproduzierenden Gesellschaft zu begreifen, die auf Konkurrenz und Profitmaximierung beruht und darauf drängt, alle Lebensbereiche kapitalistisch zu organisieren. Eine feministische Rekontextualisierung der an Marx angelehnten Überlegungen (Winker 2015) macht deutlich, dass der Kapitalismus auf zwei getrennt gedachten, real jedoch aufeinander bezogenen Sphären von Warenproduktion und Reproduktion der Arbeitskraft beruht. Das Verhältnis der beiden Sphären erweist sich als zentral für das Verständnis von Gesellschaft. Die funktionale Bestimmung von Sorgepraxen tritt dabei klarer zutage: Care soll im Kapitalismus die Ware Arbeitskraft reproduzieren und zugleich zentrale Normen und Werte vermitteln, die sowohl für das individuelle Bestehen in der Gegenwartsgesellschaft als auch für den Fortbestand der Gesellschaft selbst notwendig sind. Dabei wird nachvollziehbar, wie eine einseitige Betrachtung dieser funktionalen Bestimmung von Sorgepraxen die direkt auf menschliche Bedürfnisbefriedigung bezogenen Dimensionen von Care übersieht: Ich zeige, dass zwischen der Zurichtung zur Arbeit und der Sorge um konkrete Menschen ein Spannungsverhältnis besteht, das in der sozialen Praxis ständig neu austariert werden muss. Wie dies geschieht, wird anschließend durch eine gegenstandsbezogene Konkretisierung des Verhältnisses von Sozialstruktur, symbolisch-kultureller Ordnung und Identitätskonstruktionen in Intimbeziehungen ausgeführt. Die Erkenntnisse über die gesellschaftliche und kulturelle Strukturierung von Beziehungspraxen auf verschiedenen Ebenen erweisen sich im weiteren Verlauf als hilfreich für die Analyse der Beziehungsnetzwerke meiner Interviewpartner_innen. Unter Rückgriff auf auf ethnomethodologische und subjektwissenschaftliche Autor_innen (Holzkamp 1984; West/Fenstermaker 1995) lege ich anschließend eine handlungstheoretische Grundlegung dar. Dadurch wird klar, dass gesellschaftliche Normen und soziale Strukturen im Alltagshandeln mehr oder weniger eigensinnig aufgegriffen werden. Vor diesem Hintergrund entwickle ich in Abschnitt 3.3 Fragestellungen, die konkretisieren, welche gesellschaftliche Bedeutung der bewusste und programmatische Bruch mit einer zentrale Regel (der Monogamienorm) eines bedeutsamen sozialen Feldes (Intimbeziehungen) haben kann.

Die Methodik der empirischen Untersuchung stelle ich in Kapitel 4 dar. Ich erläutere, wie ich über einen Onlinesurvey Menschen in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken angesprochen habe. Dadurch konnte ich 203 sozial sehr heterogen positionierte potenzielle Interviewpartner_innen gewinnen: Alte und Junge; Akademiker_innen, Selbständige und Handwerker_innen; in Konstellationen mit und ohne Kinder Lebende; in Metropolen, Kleinstädten und auf dem Land. Aus diesen habe ich schrittweise 14 Gesprächspartner_innen für narrative Interviews ausgewählt. Zur Erfassung von Care-Praxen habe ich darüber hinaus die Beziehungen der Befragten als ego-zentrierte Netzwerke (Diaz-Bone 1997) erhoben. Letztlich wurden 13 Interviews mit einer Intersektionalen Mehrebenenanalyse (Winker/Degele 2009; Winker 2012) ausgewertet. Hierbei werden Wechselwirkungen von Identitätskonstruktionen, symbolischen Repräsentationen (Normen, Diskurse und Ideologien) sowie sozialen Strukturen rekonstruiert, was sich besonders für ein Feld eignet, das von einem widersprüchlichen Verhältnis von feld­spezifischer und gesamtgesellschaftlicher Ordnung geprägt ist. Zudem versteht die Methode die Interviewpartner_innen als handlungsfähig, was besonders die Fragestellung nach dem emanzipatorischen Potenzial der untersuchten Beziehungspraxen möglich macht. Daraus resultiert auch der Ansatz, Ziele, Zwischenergebnisse sowie Konsequenzen der Forschung soweit möglich an die Teilnehmer_innen zu spiegeln. So konnte ich die Befragten an drei Stellen in den Forschungsprozess einbeziehen.

Kapitel 5 stellt die Ergebnisse der Intersektionalen Mehrebenenanalyse dar. Mit einer empirisch fundierten Typenbildung (Kelle/Kluge 2010) konnte ich drei Netzwerktypen rekonstruieren, für die jeweils eine gewisse Nähe zu den eingangs aufgestellten Thesen zur gesellschaftlichen Bedeutung konsensueller Nichtmonogamie vorliegt. Zudem zeigen sich typenübergreifende Befunde sowie Unterschiede innerhalb der Typen, unter anderem hinsichtlich der Formen erfasster Care. Themenspezifische Kapitel konkretisieren, wie sich die Beteiligten der untersuchten Netzwerke emotional, in Bezug auf die Haushaltsführung, bei Krankheit und im Umgang mit Ressourcen umeinander sowie um Kinder kümmern. Abschnitt 5.7 bietet ein Fazit der empirischen Ergebnisse, die dort schon mit dem Forschungsstand kontrastiert werden, um einer Bestimmung der gesellschaftlichen Bedeutung konsensueller Nichtmonogamie näherzukommen. Außerdem werden dort Forschungsdesiderate benannt.

Kapitel 6 diskutiert die Ergebnisse unter Rekurs auf die drei Thesen – Emanzipation, Persistenz, neoliberale Indienstnahme. Ich zeige, welche befreienden Potenziale trotz einer gewissen typenübergreifenden Persistenz hegemonialer Geschlechterverhältnisse in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken bestehen. Ich bestimme diese emanzipatorischen Momente eingehender und frage nach ihrer Reichweite. Zudem stelle ich heraus, welche Strategien und Strukturen entscheidend für diese Reichweite sind.

In Kapitel 7 diskutiere ich Strategien zur Ausweitung des emanzipatorischen Gehalts konsensueller Nichtmonogamie. Ich lege Mikro- und Diskurspolitiken sowie Institutionalisierungsstrategien und Vorschläge zur Veränderung der rechtlichen Rahmenbedingungen dar, die sich in den Interviews als besonders einflussreich für die Handlungsfähigkeit der Befragten gezeigt haben. Damit hoffe ich, zu einer Erweiterung der emanzipatorischen Potenziale nicht-monogamer Beziehungsnetzwerke beizutragen.

Diese Schritte – die empirische Untersuchung nicht-monogamer Netzwerke, die genaue Analyse ihres emanzipatorischen Potenzials und die Beschreibung von Ethiken, Institutionalisierungsprozessen und Strukturanforderungen, die das emanzipative Potenzial vergrößern können – ermöglichen es mir gemeinsam mit meinen Interviewpartner_innen, einer Antwort auf die Frage näherzukommen, die vielleicht auch die Kommunard_innen des Friedrichshof umgetrieben hat: Welche Rolle kann konsensuelle Nichtmonogamie im Kontext verschiedener nötiger Schritte in eine solidarische Gesellschaft (Winker 2015) spielen? Darüber hinaus wird deutlich, was dabei zu bedenken und anzugehen ist, wenn dies wirklich emanzipatorisch geschehen soll.

1Je nach Alterskohorte wünschen sich 22–40% der befragten Männer und 6–21% der befragten Frauen eine nichtmonogame feste Beziehung, davon unterschieden wird der wesentlich seltener (0–6%) genannte Wunsch nach einer Parallelbeziehung (Schmidt et al. 2006: 31). Worauf sich die Idealvorstellung einer nicht-monogamen festen Beziehung bezieht, ist unklar.

2Ich spreche von programmatischer Nichtmonogamie, wenn diese zum politischen Programm erhoben wird. Die Unterscheidung ist bedeutsam, weil beispielsweise im Falle der eingangs erwähnten programmatischen Nichtmonogamie im Anschluss an die Revolten von 1968 oftmals kein Konsens vorlag, sondern ein politisch begründeter Zwang zur Promiskuität.

3Die genannten Bedingungen waren wie folgt formuliert: »Ich suche Menschen, die nicht alleine, aber auch nicht in exklusiven Paarbeziehungen leben, sondern in Beziehungsnetzwerken, die auf Dauer aus mehr als zwei Personen bestehen, womit auch alle Beteiligten einverstanden sind.«

4Emanzipation ist ein schillernder Begriff: Allgemeine menschliche Emanzipation meint, »die Unterdrückung unter Herrschaft zu be- und die Freiheit zu erkämpfen« (Kaindl 2007: 46). Im Besonderen bezieht sich Emanzipation auf konkrete Missstände, historisch beispielsweise auf Sklaverei oder die Vorherrschaft der Kirche, heute auf Arbeitszwang und Entfremdung (ebd.). Ich nutze den Begriff dementsprechend relational im Sinne einer Befreiung von einschränkenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

5Ich bezeichne als Intimbeziehungen diejenigen sozialen Bezüge unter Erwachsenen, die für die in ihnen lebenden Menschen eine herausgehobene emotionale Nähe dokumentieren, eine hohe subjektive Relevanz haben und möglicherweise, aber nicht zwingend, mit gemeinsam praktizierter Sexualität einhergehen. Hegemoniale Intimbeziehungen sind Ehe und Paarbeziehungen; ich zeige in dieser Studie, dass in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken ebenso nahe und hochrelevante soziale Bezüge gelebt werden. Damit positioniere ich mich zwischen einem engen Begriff von Intimbeziehung, der nur sexuelle Verbindungen bezeichnet, und einem weiten, der wiederum auch Eltern, Geschwister sowie Kinder mit einbezieht (vgl. Lenz 1998: 43).

6Soziale Reproduktion bezeichnet »alle sozialen Praxen, die erforderlich sind, um menschliche Arbeitskraft (wieder)herzustellen« (Winker 2015: 92), einschließlich der Reproduktion von Normen und Werten sowie Herrschaftsverhältnissen (ebd.).

7»The Ethical Slut« (Easton/Liszt 1997), später übersetzt als »Schlampen mit Moral« (Easton/Hardy 2014), gilt als das Buch, mit dem Polyamory breiter bekannt wurde.